Donnerstag, 20. November 2014

Nymph()maniac - Nymphomaniac: Vol. I (Director's Cut) (2013)

http://www.imdb.com/title/tt1937390/

An einem kalten Winterabend findet der charmante, ältere Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård) eine halb bewusstlose, zusammengeschlagene Frau namens Joe (Charlotte Gainsbourg) in einer dreckigen Seitenstraße. Er nimmt sich ihrer an, bringt sie zu sich nach Hause und pflegt die Schwerverletzte. Als diese irgendwann wieder zu sich kommt und Joe ihre Wunden behandelt, fragt er sie was geschehen ist. Joe fängt an, Seligman ihre Lebensgeschichte zu erzählen, ohne jegliche Scheu vor dem fremden Mann zu haben. Eingeteilt in acht Kapitel erzählt sie ihren Werdegang von der Geburt bis zu ihrem fünfzigsten Lebensjahr. Die eigene Lebensdiagnose als Nymphomanin ist geprägt von mannigfaltigen Facetten und erotischen Erlebnissen. Die mit Anekdoten gespickten Geschichten zeugen von ihren tief verborgenen Emotionen und Bedürfnissen...

Lars von Trier ist der Regisseur, der einen mit seinen Filmen immer tiefer in die Abgründe der menschlichen Psyche führt und "Nymphomaniac" bildet hier defintiv keine Ausnahme. Es ist ein Film, der seltsam beginnt: nämlich mit einem 2-minütigem Schwarzbild, ohne Geräusche, ohne alles - und man gerät schon ins Grübeln, ob die Blu-ray nicht kaputt sei, da entstehen langsam weiche, ruhige Bilder von Regen, der Wänder herunterläuft  oder auf den Deckel einer Mülltonne prasselt, nur um im nächsten Moment dröhnend von Rammstein mit "Führe mich" zerbrochen zu werden. So beginnt "Nymphomaniac: Vol. I".

Geht es ums Fischen? Geht es um Sex? Ist alles nur ein gewaltiges sprachliches Bild? Waren die hochgesteckten Ankündigungen übertrieben? Mann muß ehrlich sagen, "der Tabu-Film schlechthin" ist "Nymphomaniac: Vol. I" sicher nicht geworden, Lars von Trier hat schon pornografischere und weitaus brutalere Filme gedreht. Und das, obwohl die Sexszenen tatsächlich äusserst explizit und dadurch nicht nur fast pornographisch sind. Dennoch ist der Film eher ein Leidensweg über eine emotional völlig kaputte Frau, die ganz hervorragend von Charlotte Gainsbourg (die ältere Version) und von Stacy Martin (die jüngere Joe) verkörpert wird. Uma Thurman (deren Episode die wohl skurrilste ist, die ich jemals in einem Film sehen konnte - es war wie ein Autounfall, man konnte einfach nicht wegsehen) sticht hier allerdings em Meisten heraus, aber auch von Shia LaBeouf war ich wirklich positiv überrascht - vor allem, weil ich von ihm rein gar nichts halte. Die Inszenierung ist, im Kontext gesehen, sicher großartig, da die einzelnen Episoden so herrlich unterschiedlich gestaltet sind und dann dazwischen immer wieder durch die nüchternen, aber absolut treffsicheren Dialoge zwischen Joe und Seligman "unterbrochen" werden.


Der von Seligmann angestellte Vergleich von Sex und Mathematik, Fischen und Musik fand ich überaus interessant und seine Erklärungen wirkten immer - und auf eine seltsame Art - tatsächlich noch irgendwie wissenschaftlich. Ich habe nach all den schlechten Kritiken im Netz ein unnötig provokanten Film erwartet, der mehr eingängig als vielseitig ist. Aber ich wurde überrascht - und das im positivsten Sinne. Sehr nachvollziehbar und unvoreingenommen durchdringt der Film nur langsam den Weg ins Extreme. Und spätestens seit "Anti-Christ" ist man von Lars von Trier ja wesentlich Schlimmeres gewohnt. Trier verdient seine Anerkennung dadurch dass er seinen Titel als Meister der Symbolik gerecht wird und überhaupt zieht sich der rote Faden mit einem Tempo durch die Geschichte, was man von seinen Filmen eigentlich nicht gewohnt ist. Aber es geht ja um die Darstellung, Präsenz und Wirkung eines bestimmten Bildes. Der Film hat so einen durchaus interessanten Stil, und man muss von Trier einfach mal zugute halten, dass er tatsächlich recht detailverliebt ist. Außerdem wird hier wirklich eine faszinierende Atmosphäre erschaffen, die dann vor allem gegen Ende (des ersten Teils) hin ein ziemlich ungutes Gefühl beim Zuschauer verursacht.


Über "Nymphomaniac: Vol. I" (und sicher auch das Gesamtwerk) lässt sich definitiv diskutieren, aber der beworbene "Skandal" liegt nicht bei den Sexszenen, sondern vielmehr beim Inhalt und den grandiosen Dialogen. Man bekommt hier einen sehr interessanten und andersartig inszenierten Film geboten mit wirklich tollen Schauspielern und vor allem das Ende und die "Vorschau" im Abspann lässt einen hier noch so Einiges im zweiten Teil erwarten! Sicherlich ist der Film Geschmackssache, aber ich freue mich definitiv auf die Fortsetzung!

9/10