Freitag, 14. November 2014

[KINO] Interstellar (2014)

http://www.imdb.com/title/tt0816692/

Seit Menschengedenken haben wir immer nach den Sternen gegriffen, danach gestrebt, den Planeten zu verlassen und neue Welten zu entdecken. Dieses Streben nahm ernsthafte Züge an, als die Amerikaner im Wettlauf mit den Russen zunächst ins All vordrangen, den Mond betraten und Sonden in die Weiten unseres Sonnensystems entsandten. Bislang scheiterten Versuche, in bemannten Missionen die Weite des Raumes zu durchschreiten, an der Zeit, die dafür benötigt wird. Nun aber scheint der Durchbruch nahe: Die Theorie der Existenz von Wurmlöchern wurde durch die Praxis bestätigt, und so begibt sich eine Gruppe von Wissenschaftlern (darunter Matthew McConaughey und Anne Hathaway) auf eine phantastische Reise durch Raum und Zeit...

Geflasht? Definitv ja. Aber irgendwo in dieser Geschichte fehlt etwas. "Interstellar" bleibt trotz seiner geradezu epischen Laufzeit von knapp 169 Minuten einfach zu wenig Zeit, um seine ausführliche und wohldurchdachte Geschichte auch in vollem Umfang zu erzählen. Ja, die Handlung ist komplex, wer ihr jedoch aufmerksam folgt, wird sie zu großen Teilen verstehen, auch wenn Grundkenntnisse in moderner Physik sicher sehr nützlich sind.

"Interstellar" ist dabei sowohl erzählerisch, als auch visuell sehr viel zurückhaltender als nach Sichtung des Trailers gedacht und definitiv nicht das Bombastfeuerwerk und Science-Fiction-Epos, welches ich irgendwie im Vorfeld erwartet hatte. So stehen trotz ambitionierter Themen (Fortbestand der Menschheit und intergalaktische Reisen) stets die Charaktere und ihre Gefühle im Vordergrund. Demzufolge bleibt die Kamera auch immer nah an den Personen und es gibt nur wenige (aber dafür umso effektivere) Panoramaaufnahmen. Selbst in den Einstellungen im Weltraum ist die Kamera oft fest auf der Außenhülle des Raumschiffs montiert, was teilweise (gerade bei den Drehungen) gewöhnungsbedürftig ist, diesen Szenen jedoch (trotz der Endlosigkeit des Alls) etwas unglaublich Faszinierendes verleiht.

Dass "Interstellar" da auch nur selten wirklich episch ist, fällt gar nicht negativ auf, sondern passt zum aussichtslosen Grundton des Filmes. Visuell bietet "Interstellar" trotzdem einige sehr beeindruckende Einfälle. Vor allem in der zweiten Hälfte bekommt man immer öfter Bilder zu sehen, die es so im Kino noch nicht zu bestaunen gab, seien es die (wissenschaftlich korrekten) Aufnahmen des Schwarzen Lochs oder die kreativen Planeten des fremden Sonnensystems. Äußerst lobenswert ist dabei, dass das Ausmaß der Computereffekte dabei erstaunlich gering bleibt. So wurde bei den Dreharbeiten kein einziger Greenscreen verwendet. Was also durch die Fenster der Raumfähre zu sehen ist, war dank Projektion auch für die Schauspieler sichtbar. Bei den Aufnahmen der Shuttles hingegen kamen in vielen Fällen Modelle zum Einsatz, was dem auf Film gedrehten Streifen (das wird am Ende der Credits extra erwähnt!) einen angenehm greifbaren und irgendwie auch zeitlosen Look verleiht.


Im Erzählrhythmus offenbart sich jedoch ein klitzekleiner Schwachpunkt von "Interstellar". Während der Film sich in einzelnen Szenen (zurecht) Zeit lässt und dabei sogar leicht ausufert, wirken andere Abschnitte (wie zum Beispiel die Landung auf dem ersten Planeten) sehr überhastet. In Anbetracht der Laufzeit klingt es zwar ironisch, aber tatsächlich hätten dem Film an mehreren Stellen (vor allem im ersten Drittel) einige zusätzliche Minuten nur gut getan, um Unstimmigkeiten zu beseitigen oder bereits eindrucksvolle Szenen noch intensiver umzusetzen. So verschenkt Nolan durch die teilweise sehr sprunghafte Erzählweise leider eine Winzigkeit an Potential.

Positiv hervorzuheben ist der grandiose Soundtrack von Nolans (mittlerweile offensichtlichen) Lieblingskomponisten Hans Zimmer, der hier einen etwas ungewohnten Beitrag im Vergleich zu seinen übrigen Werken abliefert. Stellenweise ruhig, dann wieder ehrfürchtig oder pompös scheinbar ins Unendliche anschwellend, schafft er es, die entsprechende Stimmungen auch akustisch perfekt zu übertragen. Vor allem in der zweiten Hälfte erzeugen die dröhnenden Sounds eine teilweise äußerst unangenehme Stimmung, die überraschend gut zur Handlungsentwicklung passt, wenn man bedenkt, dass Zimmer zur Komposition gar kein Skript (sondern nur Textpassagen) erhalten hatte.

Schauspielerisch gibt es besonders vom Hauptdarsteller McConaughey eine beeindruckende Leistung, dessen Performance wohl die emotionalste ist, die es bisher in einem Nolan-Film zu sehen gab. Aber McConaughey mausert sich immer mehr und mehr zu einem meiner Lieblings-Schaupieler. und das, obwohl ich ihn bis vor ein paar Jahren eher als den arroganten Angeber wahrgenommen hatte. Was vermutlich auch an seinen Rollen lag. Aber hier bringt er die Verzweiflung und Trauer seines Charakters darüber, dass er seine geliebten Kinder auf der sterbenden Erde zurücklassen musste, wirklich meisterhaft rüber. Michael Caines Potential wird diesmal zwar nicht völlig ausgenutzt, einige starke Auftritte hat er dennoch. Vor allem, wenn er Dylan Thomas‘ überwältigendes Gedicht "Do Not Go Gentle Into That Good Night" rezitiert, bekommt man als Zuschauer eine gewaltige Gänsehaut. Wie immer überzeugend ist auch Anne Hathaway, die Prof. Brands Tochter spielt, welche ebenfalls zu den Astronauten der Rettungsmission zählt und von Hathaway schön kaltschnäuzig und unsympathisch gespielt wird. Am meisten beeindruckt war ich jedoch von zwei weiteren Nebendarstellern, zum einen von der (gerade erst dreizehnjährigen) Mackenzie Foy, die McConaugheys Filmtochter Murph überzeugend und überaus ergreifend spielt. Der zweite herausragende Nebendarsteller soll hier nicht genannt werden, da dieser Star nur kurz in den Credits genannt wird und sein Auftreten somit für mich eine große Überraschung war.


"Interstellar" ist, eigentlich typisch für Nolan, ein recht ungewöhnlicher Film. Mit seiner ruhigen Erzählweise (die ein wenig an "2001" erinnert), der komplexen, recht physikalischen Handlung und dem abstrakten Ende hat er mich anfänglich irritiert, bevor ich seine wahre Größe begriff. Man bekommt mit dem Streifen ein so intensives, intellektuell stimulierendes, toll gespieltes, ergreifendes und bildstarkes Werk geboten, wie man es nur selten im Kino erleben darf. Nur im Vergleich zu Nolans noch besseren Werken, fällt der Film, aufgrund einer stellenweise überhasteten und bruchstückhaften Erzählweise, sowie wenige schwach ausgearbeiteten Nebenfiguren leicht ab. Wie fast immer bei solchen Werken ist dies allerdings Jammern auf hohem - unglaublich hohem - Niveau.

9,5/10

Wer fand eigentlich, dass TARS und sein Kollege CASE sehr an  die Monolithen aus "2001" erinnerten? Und wer hat gemerkt, dass die Erklärung der Raumkrümmung ganz schön aus "Event Horizon" abgeschaut wurde? :)

Nur in Großbritannien gab es den Film (inklusive deutschem Ton) als Special Edition mit Bonus-Disc im limitierten 24-seitigen Digibook. Da fiel die Wahl doch relativ leicht...