Mittwoch, 18. April 2018

The Girl On The Train - Girl On The Train (2016)

https://www.imdb.com/title/tt3631112/

Jeden Tag nimmt die geschiedene Rachel Watson (Emily Blunt) den Zug, um nach Manhattan zur Arbeit zu kommen – zumindest tut sie so, denn vor Monaten hat sie ihren Job wegen ihres Alkoholproblems verloren und so fährt sie als reine Beschäftigungstherapie durch die Gegend. Und jeden Tag fährt sie damit an ihrem alten Haus vorbei, in dem sie mit ihrem Exmann gelebt hat. Dieser lebt noch immer in dem Haus, jetzt mit seiner neuen Frau und einem Kleinkind. Um sich von ihrem Schmerz abzulenken, fängt sie an, ein Pärchen (Hayley Bennett und Luke Evans) zu beobachten, das ein paar Häuser weiter wohnt. Die perfekte, glückliche Famile. Doch als sie eines Tages wieder mit dem Zug vorbei fährt, beobachtet sie etwas Schockierendes. Am nächsten Morgen wacht Rachel mit einem bösen Kater auf und kann sich an nichts erinnern. An ihrem Körper allerdings befinden sich zahlreiche blaue Flecken, verschiedene Wunden und ihr Gefühl sagt ihr, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Dann sieht sie eine Vermisstenmeldung im TV: Die Frau ist verschwunden. Was ist in der letzten Nacht passiert? Rachel beginnt, sich selbst auf die Suche nach ihren Erinnerungen und der vermissten Frau zu begeben...

Die nasse graue spätherbstliche Atmosphäre, im Zwielicht zwischen Tag und Nacht, lassen Kälte und Todesgeruch förmlich am eigenem Körper emporsteigen. Geradezu wie warme Kerzenlichter in der Dunkelheit wirkten da die zwei blonden Darstellerinnen und so erkennt man bei diesem Film schnell: zwischen Schein und Sein verläuft schon ein schmaler Grat.

Der Spielfilm "Girl On The Train" entstand nach dem gleichnamigen Roman der britischen Schriftstellerin Paula Hawkins. Das Buch war ihr Erstlingswerk. Dieses wurde weltweit 15 Millionen verkauft und feierte internationale Erfolge. Der amerikanische Regisseur Tate Taylor verarbeitete nun den Romanstoff in adäquater Weise und schuf einen sehr spannenden und psychologisch packenden Thriller. "Girl On The Train" ist filmisch durchaus gehobene Klasse. Twisttechnisch überbietet es sich nicht wie "Gone Girl", aber es ist unmöglich zu erkennen auf was die Geschichte hinausläuft, denn alle Charaktere weisen einen besonderen Charme auf und sehen dazu noch gut aus. Aber sie haben alle etwas zu verbergen. Teilweise hatten manche Wahnvorstellungen minimal lyncheske Züge. Lisa Kudrow hatte maßgeblichen Anteil daran, dass es so wirkte. Diese Frau jagt in "Girl On The Train" allein mit ihrem Auftreten zweimal einen Schauer über den Rücken.

Zusätzlich verwirrt, dass man anfägnlich die blonden Schauspielerinnen Ferguson und Bennet nicht auseinander halten vermag. Dahinter steckte pure Absicht, was man sogar an mehreren Punkten im Film festmachen kann. Getrieben vom Eifer, nichts falsch zu deuten, fühlt man sich so plötzlich ertappt, wie man versucht, den filmischen Ablauf zurück zu drehen, um einige Szenen nochmals zu prüfen.

Das reduziert zwar die Möglichkeiten, hilft aber auch kaum weiter, da letztlich zwei Möglichkeiten so lange gleichwahrscheinlich sind, bis sich das fragwürdige puzzleartige Review der Beteiligten und die nach und nach eintreffenden Aussagen von Zeugen bei der Vervollständigung des Bildes helfen, so dass wir die Peripetie keine Sekunde vorher erfahren dürfen, als es gewollt ist. Wieder einmal stellen wir uns als Zuschauer die Frage, ist es Gaslighting oder ist es Schizophrenie? So bleibt man letztlich völlig fasziniert zurück und kann rückblickend behaupten, dass der neueste Film von Tate Taylor auf nahezu allen Ebenen überzeugt. Die Schauspieler sind hervorragend ausgewählt und geben den Figuren emotionale Tiefe. Gerade dies verstärkt den Thriller ungemein und so ist “Girl On The Train” nicht nur eine simple Mordfall-Geschichte, sondern ein spannendes Portrait von zwischenmenschlichen Beziehungen, Abhängigkeiten und Einsamkeit.

7,5/10

Montag, 16. April 2018

Zwartboek - Black Book - Das schwarze Buch (2006)

http://www.imdb.com/title/tt0389557/

September 1944: Sämtliche Familienmitglieder der jüdischen Revuesängerin Rachel (Carice van Houten) werden bei einem Hinterhalt ermordet. Sie muss während des Zweiten Weltkriegs aus Berlin vor den Nazis fliehen und sucht im Süden der Niederlande Unterschlupf. Rachel schließt sich einer jüdischen Widerstandsgruppe an. Sie nennt sich nun Ellis de Vries und wird als Spionin der Niederländer bei den Nationalsozialistin eingeschleust. Damit will sie sich auch an denen rächen, die das Leben ihrer Liebsten auf dem Gewissen haben. Sie bändelt schließlich mit dem ranghohen SS-Offizier Müntze (Sebastian Koch) an. Er fühlt sich zu der jungen Frau hingezogen und bietet ihr eine Stelle als Schreibkraft an...

Sechs Jahre nach "Hollow Man" meldete sich der einstige Skandalregisseur Paul Verhoeven mit einem Beitrag zur Kriegszeit zurück, der beinahe schon ein wenig untypisch für ihn ist. Überzeichnete Darstellung von Gewalt und Sex findet sich hier nicht, ebensowenig wie schwarzer Humor und fieser Zynismus - was dem Werk aber auch nicht gut getan hätte. Nein, "Zwartboek" ist ein sehr spannender Kriegsthriller, der den holländischen Widerstand zur Zeit der Nazibesatzung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs thematisiert. Man wird Zeuge des Geschehens durch die Augen der Jüdin Rachel Stein, die ihre Familie in einem Hinterhalt der Nazis verliert, sich danach den Widerstandskämpfern anschließt und für sie als Spionin arbeitet. Dabei gerät sie in ein brandgefährliches Spiel aus Lügen und Verrat, bei dem sie ihr Leben mehr als einmal aufs Spiel setzt. Verhoevens "Zwartboek" ist von der grundlegenden Thematik, der Ausstattung und der Besetzung her durchaus vergleichbar mit Tarantinos "Inglourious Basterds", nähert sich der Geschichte allerdings auf weitaus realistischere Weise. Bei Verhoeven gibt es keine Schwarzweißmalerei, sämtliche Charaktere sind ambivalent, allein den "guten Widerstandskämpfer" und den "bösen Nazi" gibt es hier nicht. Keiner der Charaktere hat hier wirklich eine weiße Weste, jeder macht sich auf irgendeine Art und Weise schuldig. Dies zeigt sich besonders darin, dass der Film mit dem Ende des Krieges selbst noch lange nicht beendet ist und man hier Zeuge wird, wie die einstigen Opfer selbst zu Tätern werden, was in der allgemeinen Rezeption des Krieges viel zu selten thematisiert wird. Ohne die Verbrechen der Nazis relativieren zu wollen, entschuldigt derFilm dennoch nicht, dass Kollaborateuren (die teilweise ja durchaus nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln hatten) nach dem Krieg Schlimmes angetan wurde.

Zudem ist auch positiv anzurechnen, dass die Nazis hier nicht Hollywoodlike dämonisiert, sondern als Menschen dargestellt werden. Den, wenn man so will, "Oberbösewicht" des Films (also besser gesagt, den negativsten Charakter) sieht man hier beispielsweise in einer Szene besoffen und nackt auf die Toilette wanken. Als diabolische Monster erscheinen die Nazis hier nicht - was sie freilich nicht weniger widerwärtig macht. Besonders erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Verhoeven hier versteckte Kritik an der Außenpolitik der USA eingebaut hat. Wenn die Nazis hier ähnliche Foltermethoden wie amerikanische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter in Gefängnissen wie Guantánamo anwenden oder sich strikt weigern "mit Terroristen zu verhandeln", kommt einem da schon George W. Bush und sein "Krieg gegen den Terror" in den Sinn. Verhoeven übt hier Kritik am Krieg an sich, an militärischen Institutionen und generell dem Einbeziehen der Zivilbevölkerung in militärische Konflikte. Der Film wurde dabei auch mit vereinzelten Nóir-Anleihen angereichert. Es geht um Spionage, Verrat, Macht, Gier, Opportunismus und vor allem um die Frage, wem man in solchen Zeiten vertrauen kann. Die Hauptfigur wird fast zu einer Art Femme Fatale und ist anderen Frauenfiguren aus Verhoevens Filmen (wie der Prinzessin Agnes aus "Flesh + Blood") sehr ähnlich. Um zu überleben, setzt sie vor allem ihre Reize ein und ist letztlich hin- und hergerissen zwischen zwei Parteien. Besonders loben muss man natürlich Verhoevens Gespür für gute Schauspieler. Der Film wird getragen von einer wirklich exzellenten internationalen Besetzung. Carice van Houten wirkt als Rachel mal verletzlich, mal manipulativ, aber immer nahbar für den Zuschauer. Sebastian Koch überzeugt als SS-Mann mit einem Gewissen. Die hassenswerten Charaktere geben Waldemar Kobus und Christian Berkel, wobei besonders letzterer äußerst bedrohlich und respekteinflößend wirkt. Der restliche Cast ist auch nur zu loben. Paul Verhoeven hat mit "Zwartboek" einen sehr spannenden, realistischen Thriller abgeliefert, der immer authentisch wirkt und der zeigt, dass es im Krieg keine Sieger gibt und Geschichte sich auf irgendeine Weise immer wiederholt (das macht besonders das Ende mit seiner bösartigen Pointe deutlich). In Amerika wäre diese Art Film vermutlich wohl nicht gedreht worden, diese europäische Produktion hat Hollywood da so einiges voraus. Komplex und vielschichtig, stellenweise brutal und auch mit vereinzelter Erotik, was aber immer in den Dienst der Geschichte gestellt wird und nie zum Selbstzweck verkommt. Sehr sehenswert.

8,5/10

Sonntag, 15. April 2018

Morgan - Das Morgan Projekt (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4520364/

Risikomanagerin Lee Weathers (Kate Mara) wird zu einer abgelegenen und streng geheimen Forschungsstation geschickt, um einen schrecklichen Vorfall zu untersuchen und zu bewerten. Dort angekommen erfährt sie, dass ein scheinbar unschuldiger „Mensch“ dafür verantwortlich ist: Morgan (Anya Taylor-Joy). Bei ihr handelt es sich um einen künstlich erschaffenen Menschen, ausgestattet mit einer synthetischen DNA, der sich rasend schnell entwickelt und schon nach kürzester Zeit alle Erwartungen von Dr. Lui Cheng (Michelle Yeoh) und ihrem Team übertroffen hat. Doch dass die scheue und unberechenbare Morgan ihre eigenen Schöpfer in allen Belangen bereits überholt hat, macht sie auch gefährlich. Zu was ist sie fähig? Und trägt sie für ihre Taten die Verantwortung oder doch eher der Konzern, der sie erschaffen hat?

Luke Scott liefert nach Arbeiten für die Second Unit bei "Exodus:Gods and Kings" und "Der Marsianer" für seinen Vater Ridley Scott nun mit "Morgan" seinen ersten abendfüllenden Spielfilm und eines muss man zweifellos anerkennen: das Auge seines Vaters hat er scheinbar geerbt, ist "Morgan" über weite Strecken doch hübsch anzusehen und weiß visuell zu überzeugen. Wenn Scott dazu auch die inhaltliche Ebene ähnlich gut im Griff haben würde, dann hätte aus seinem Regiedebüt ein richtig guter Film werden können. Da das leider nicht der Fall ist, bleibt "Morgan" zwar ein interessanter Beginn, welcher zumindest im Ansatz ganz ähnliche philosophische und moralische Dilemmata thematisiert, wie sie auch Alex Garland mit seinem kammerspielartigem Science Fiction-Drama "Ex Machina" verarbeitet hat, jedoch erreicht dieses durchaus komplexe Thema seinen vorerst dramatischen Höhepunkt in Form der psychologischen Analyse von Morgan, dann kippt der Film in seiner Stimmung, es kommt zu einem relativ harten tonalen Bruch und bereits etablierte Motive verlieren plötzlich zu Gunsten von Action angereichert mit Horrorelementen an Bedeutung, so dass Morgans künstliche Herkunft, ihre Intelligenz und die damit implizierten Fragen fortan keine Rolle mehr spielen.

Das ist zwar ein wenig schade, könnte man jedoch problemlos verschmerzen, wenn die daran folgende Action nicht schrecklich herkömmlich und gewöhnlich ausfallen würde. Auch die Handlung bleibt beinahe immer vorhersehbar und verlässt nur ausgesprochen selten seit Jahrzehnten ausgetretene Genrepfade, ja, sogar den Twist am Ende kann man durchaus vorher kommen sehen. Zudem wird man das Gefühl nicht los, dass "Morgan" nicht zu seiner eigentlichen Herkunft als B-Movie so wirklich stehen will oder kann, obwohl der Plot an sich doch eben ein solcher Stoff durch und durch ist. Ein Film wie "Species" ist da um einiges sympathischer, weil er seine Herkunft nicht verleugnet und vollkommen dazu steht, was er ist und auch gar nicht versucht mehr zu sein, wohl wissend, das nicht leisten zu können. Ein B-Movie durch und durch, was ja auch überhaupt nichts schlimmes ist, ganz im Gegenteil. "Morgan" hingegen versucht sich ein wenig größer zu machen, als sein Plot letztlich ist, bleibt dabei aber zumindest durchweg unterhaltsam.

Somit formuliert "Morgan" anfangs zwar eine durchaus interessante und moralisch ambivalente Fragestellung, wirft diese jedoch recht zügig zu Gunsten von Action und Horror über Bord. Es bleibt eine hübsch anzusehende, geradlinig inszenierte Action-Horror-Variante von bereits bekannten Motiven, die kaum eigenständige Idee zu entwickeln vermag und immer vorhersehbar bleibt. Unterhaltsam ist das zwar, vielmehr aber auch nicht, denn inhaltlich ist da noch deutlich Luft nach oben. Eine gelungene Arbeitsprobe für Regisseur Luke Scott ist das aber allemal.

6,5/10

Mittwoch, 11. April 2018

The Negotiator - Verhandlungssache (1998)

http://www.imdb.com/title/tt0120768/

Danny Roman (Samuel L. Jackson), dem besten Verhandlungsspezialist bei Geiselnahmen, wird ein Mord untergeschoben. Niemand glaubt, dass er unschuldig ist, und zudem scheinen Polizisten in eine Korruptionsaffäre verstrickt zu sein. Mit einer Verzweiflungstat versucht Danny Zeit zu gewinnen, um herauszufinden, wer sein Leben zerstören will. Er verlangt, nur mit Chris Sabian (Kevin Spacey), einem legendären Unterhändler aus einem anderen Stadtteil, zu sprechen, da er nur einem Außenstehenden traut. Die Zeit wird knapp, ist doch jeder Cop in Chicago versessen darauf, Roman in seine Finger zu bekommen. Und der wahre Killer befindet sich unter ihnen...

Jeder kennt dieses Gefühl: Man schaut einen Film zum ersten Mal, aber glaubt alles zu kennen. Jede Wendung scheint vorhersehbar, jeder Dialog ist einem bereits bekannt. Doch es gibt auch Filme, die altbekannte Genrezutaten neu zusammenmixen und trotzdem den Zuschauer fesseln und überraschen können. Der Action-Thriller "Verhandlungssache" von Regisseur F. Gary Gray gehört in diese Kategorie. Die Handlung klingt dabei erst einmal alles andere als neu. Doch auch wenn das Thema "Mann versucht seine Unschuld zu beweisen" mehr als oft genug für eine Filmhandlung herhalten musste, schafft es "Verhandlungssache" den Zuschauer schon nach kurzer Zeit zu fesseln. Denn man weiß genauso wenig wie Danny, wer zu den Schuldigen gehört und wer nicht. Auch der Außenstehende Chris Sabian, ist kein Mann, dem Danny wirklich vertrauen kann, da er ihn schließlich überhaupt nicht kennt. Und so stellt sich immer die Frage: "Was, wenn Sabian sich auf einmal mit den korrupten Polizisten zusammentut?" Diese Ungewissheit darüber, wer auf welcher Seite steht, macht "Verhandlungssache" zu einer verdammt spannenden Angelegenheit, bei der die Charaktere nicht immer nur schwarz oder weiß, sondern oft einfach nur grau sind.

Dazu kommt dann noch das geniale Spiel der beiden Hauptdarsteller. Samuel L. Jackson lässt den Zuschauer Dannys Verzweiflung genauso spüren, wie seine Entschlossenheit. Jede seiner Taten und sei sie auch noch so extrem, kann Jackson absolut glaubwürdig herüberbringen, was sehr wichtig ist, damit der Film sich nicht lächerlich macht. Danny Roman kann man getrost zu den besten Leistungen seiner Karriere zählen. Und deshalb schafft er es auch gegen den hier großartigen agierenden Kevin Spacey zu bestehen. Zu Beginn ist sein Chris Sabian noch ein Mann, der nur seinen Job tut. Er hat kein Interesse daran, sich mit Dannys Verschwörungsgeschichte zu beschäftigen. Er will nur dafür sorgen, dass sein Verlustrate weiterhin "0" beträgt. Doch mit der Zeit kommen auch ihm Zweifel bezüglich der Absichten von Dannys Kollegen. Diese Wandlung ist Dank Spaceys tollem Spiel zu jeder Zeit glaubwürdig. Denn Spacey lässt Sabian diese Wandlung nur ganz langsam und vorsichtig vollziehen. Bis zum Schluss hat er immer noch seine Zweifel bezüglich Dannys Geschichte.

Die Nebendarsteller machen ebenso einen guten Job. Insbesondere David Morse und J.T. Walsh liefern eine tolle Leistung. Die sehr ernste Handlung wird zudem noch durch eine kleine Portion Humor aufgelockert und durch einen wirklich tollen Soundtrack unterstützt, der nie belanglos vor sich hin plätschert. Dazu beweist F. Gary Gray auch ein gutes inszenatorisch Geschick bei den kurzen und wohl dosierten Action-Szenen, die nie so übertrieben wirken, wie in den meisten anderen Hollywood-Filmen. Jeder Freund von spannendem Genre-Kino muss "Verhandlungssache" einmal gesehen haben. Zum absoluten Meisterwerk fehlen zwar noch die Innovationen, doch bessere, spannendere Unterhaltung wird man trotzdem nur selten finden.

8/10

Montag, 9. April 2018

Grave - RAW (2016)

http://www.imdb.com/title/tt4954522/

Justine (Garance Marillier) ist noch 16 junge Jahre alt und wächst in einer ziemlich eigenwilligen Familie auf. Denn in ihrem Umfeld befinden sich ausschließlich Tierärzte, die zudem auch noch allesamt Vegetarier sind. Von daher scheint es jetzt schon klar zu sein, dass auch die Teenagerin den gleichen Weg einschlägt. Doch als sie ihr Studium an einer tierärztlichen Hochschule aufnimmt, wird sie in eine ganz andere Welt gezogen, die pervers und ziemlich verführerisch ist. Gleich zu Beginn muss sie an kranken Aufnahmeritualen teilnehmen, damit sie den Anschluss an ihre Kommilitonen findet – und dabei isst sie das erste Mal Fleisch. Und der Verzehr dieser für sie neuen Köstlichkeit hat unerwartete Folgen. Denn auf einmal entwickelt Justine einen unkontrollierbaren Hunger nach Blut, der auch vor Menschen nicht halten macht…

Es ist ein beeindruckender Debüt-Film, der eine Rezension schwer macht. "RAW" hebt sich nämlich als jugendlich-ungestümer Debütfilm schnell von so manchem Bodyhorror-Drama ab. Man sollte bei "RAW" (oder im Original "Grave") somit auch nicht den Kannibalen-Horror erwarten, der vielerorts so derbe angepriesen wird. Bei "RAW" handelt es sich vielmehr um ein höchst interessantes Jugenddrama mit einigen Horrorelementen, sowie visuell-bizarren Aufnahmen und einem geradezu InstantClassic-Themesong. Die französisch-belgische Produktion gestaltet sich besonders durch all die befremdlichen Plot-Komponenten durchweg interessant und birgt neben so einigen derben Bildern, welche Einem, vor allem auch wegen der vorbildlichen Effekte, das Hinsehen nicht immer einfach machen, auch einen superb auftretenden Cast. Insbesondere Garance Marillier weiß sich in den Kopf des Zuschauers zu fressen, bedenkt man zudem, dass sie mit "RAW" ihr filmisches Leinwand-Debüt ablieferte.

"RAW" ist eine bluttriefende Märchenversion des Frauwerdens inklusive düsterer Pointe am Ende. Ein pulsierender Trip durch die wilden Gefühle von Teenagern, die sich das erste Mal außerhalb des Nests beweisen müssen und zwischen Erfolgsdruck, Drogen, Sexualtrieb und unersättlicher Neugierde stehen. Eine grelle, von Körperflüssigkeiten und einer Wahnsinnsschauspielerin begleitete Charakterstudie, welche Verlangen und Lust so darstellt, wie der Titel verspricht: roh. Neben der schnell unausweichlichen Kannibalenkomponente ist die volle Gefühlspalette mitsamt Liebe, Wut und triefender Geilheit Bestandteil des kantigen Genrecocktails, der nicht selten auch in schwarzhumorige Bereiche abdriftet. Was den Film aber ganz besonders auszeichnet ist seine Atmosphäre, die den Zuschauer einlullt, ihn in sich aufsaugt und bis zum Ende nicht mehr gehen lässt. Eine halbe Stunde mehr, um einige Inhalte etwas ausgiebiger zu beleuchten, wäre wünschenswert gewesen, nichtsdestotrotz ist der krasse Campus-Trip lohnenswert. Dafür findet der Film immer wieder skurrile bis ekstatische Bilder, die in ihren impulsivsten Momenten an die rohe Neonatmosphäre des wesensverwandten "Der Nachtmahr" erinnern. In beiden Fällen ist das Monster am Leben, macht sein Ding und genauso deshalb verkörpert "RAW" in jeder Hinsicht das, was sein Titel bereits verspricht.

7/10

Under Sandet - Land Of Mine - Unter dem Sand (2015)

http://www.imdb.com/title/tt3841424/

Mai 1945: Der Krieg ist zwar zu Ende, doch nicht jeder kann in sein normales Leben zurückkehren. Eine Gruppe junger Soldaten, fast noch Kinder, befindet sich in dänischer Kriegsgefangenschaft und wird vor eine lebensbedrohliche Aufgabe gestellt: Die jungen Männer, darunter auch Helmut (Joel Basman) und Wilhelm (Leon Seidel), sollen einen Nordseestrand von Nazi-Tretminen säubern. Rund 45.000 Minen sind im Sand vergraben und keiner weiß, wo und wann die nächste hochgehen wird. Der Truppe fehlt es an Ausbildung und Ausrüstung, ihre Arbeit verrichten die Gefangenen auf gut Glück. Der dänische Kommandant Carl (Roland Møller) hat ihnen nach Ableistung dieses Dienstes die Freiheit versprochen und ihnen bleibt nichts weiter übrig, als seinem Wort zu glauben. Doch dann geschieht ein tragisches Unglück...

Der dänische Film "Unter dem Sand" war bei den Oscars 2017 vertreten und zwar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film. "Nicht noch ein Film mit 2. Weltkriegsthematik" könnte man jetzt denken. Aber der Streifen "Under Sandet" beleuchtet einen kleinen und eher unbekannten Teil deutscher Nachkriegsgeschichte.  Dass die Skandinavier sehr oft, sehr gute Filme (besonders Thriller) machen können, haben sie sehr oft bewiesen. Einen skandinavischen Kriegsfilm hat man da eigentlich noch nie gesehen. Doch "Unter dem Sand" ist ein beeindruckender und nachhaltiger Film, der fast alles richtig macht. Der Film widmet sich einem Thema, über das nicht allzu oft berichtet wird. Unter dem Sand fordert seine Zuschauer sehr mit unangenehmen Bildern, denn zu jeder Sekunde kann es explosiv werden. Im Mai 1945 werden nach der Niederlage ein Dutzend deutsche jugendliche Kriegsgefangene dazu beauftragt, den Strand der westlichen Küste Dänemarks von deutschen Landminen zu befreien. Während der dänische Feldwebel, welcher die Verantwortung für die Gruppe übernimmt und ihr anfangs noch mit äußerster Brutalität begegnet, damit beginnt, mit den Jungen zu sympathisieren, stoßen diese bei ihrer unmenschlichen Aufgabe an ihre psychischen und physischen Grenzen.


Anfangs ist man durchaus überrascht, dass der Film fast ausschließlich auf Deutsch gedreht wurde. Das macht das ganze sehr authentisch und auch die dänischen Darsteller überzeugen mit einer guten deutschen Sprache. "Unter dem Sand" ist ein unfassbar intensiver Film, bei dem man es teilweise vor Spannung kaum aushält. Gerade beim Minen entschärfen muss man permanent Angst haben, dass es gleich mächtig rummst und das sorgt für elektrisierenden Nervenkitzel. Der Film übermittelt ein sehr realistisches Bild und fängt das trostlose Gebiet mit einer tollen Kameraarbeit ein. Hier und da wirken ein paar dramatische Szenen etwas zu künstlich, aber das verzeiht man diesem Film spätestens beim atemberaubenden Schlussakt. "Unter dem Sand" ist insgesamt eben ein beeindruckender und leider zu unbekannter Antikriegsfilm, dessen grandios gefilmten Bilder von Dänemarks sonnendurchfluteten Dünenlandschaften nicht die Abgründigkeit seiner Geschichte überdecken können. Allein die Anfangssequenz, in der die jungen Gefangenen im Kriegslager zur Vorbereitung auf den Strandaufenthalt echte Landminen entschärfen müssen und welche dabei völlig ohne Musikuntermalung auskommt, ist einer der spannendsten Szenen, die man seit Langem gesehen hat.


So wie in der Story, überzeugen die Darsteller auch als gesamtes Team. Es ist selten, dass man sagen kann, dass gerade die deutschen Schauspieler vollends überzeugen, aber jeder einzelne von ihnen spielt unfassbar echt und glaubwürdig und keiner wird grundlos in den Mittelpunkt gedrängt und alle haben den gleichen Stellenwert. Der Cast aus eher unbekannten deutschen Jungschauspielern (u.a. Louis Hofmann) agiert jederzeit authentisch, der heimliche Star dieses Films ist aber Oberfeldwebel Rasmussen, der brutal gut von Roland Møller verkörpert wird und alle Facetten von knallhart und gewalttätig bis sensibel und aufopfernd verkörpert. Er macht eine ziemlich interessante Entwicklung durch, die hin und wieder zwiespältig, aber dadurch sehr glaubwürdig wirkt. Auf der einen Seite empfand ich ihn als unfassbar hart und böse, doch je länger der Film geht, umso mehr lernt man auch seine menschliche Seite kennen und die schwer beeindruckt. Auch wenn die Läuterung eben dieses Mannes, welcher sich von dem deutschen-hassenden Verächter der Gefangenen zu einer Art Vaterfigur der Gruppe entwickelt (in einer Szene spielen sie am Strand glücklich zusammen Fußball), bisweilen etwas unglaubwürdig verläuft und dem Drama auch ein gewisser Betroffenheits-Kitsch nicht abzusprechen ist, so ist dem dänischen Regisseur Martin Zandvliet unterm Strich dennoch ein tiefgreifender Appell an die Menschlichkeit gelungen, welcher auf eine klare Unterteilung von Gut und Böse verzichtet und dessen Spannung stellenweise geradezu explosiv ist. Ansonsten ist Mikkel Boe Følsgaard als Ebbe Jensen, der aber im Vergleich zu Rasmussen ein konsequenter Fiesling ist, sehr erwähnenswert.

An dieser Stelle sei nochmal darauf hingewiesen, dass manche Szenen nur schwer verdaulich sind und sich regelrecht in die Netzhaut einbrennen. Schockierend, mitfühlend und explosiv. "Unter dem Sand" erwischt den Zuschauer eiskalt und sorgt für viel ungewohnten Nervenkitzel. Alle Darsteller agieren erstklassig und das Zeitalter wird perfekt dargestellt. Nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter, aber dringend empfehlenswert. Ein Film, der komplett berührt und fasziniert und somit war die Oscarnominierung total gerechtfertigt. "Unter dem Sand" geht einfach unter die Haut. Nicht verpassen!

8,5/10

Sonntag, 8. April 2018

El Espinazo del Diablo - The Devil's Backbone - Das Rückgrat des Teufels (2001)

http://www.imdb.com/title/tt0256009/

Spanien 1939. Gegen Ende des Bürgerkriegs verschwindet aus dem Waisenhaus Santa Lucia ein kleiner Junge spurlos. Als der zwölfjährige Carlos in dem Heim ein neues Zuhause findet, geschehen plötzlich merkwürdige Dinge. Eine schemenhafte Gestalt taucht auf. Es ist der verschwundene Santi, dessen Geist nachts durch das alte Gemäuer zieht und Carlos mit den Worten "Viele von euch werden sterben" verfolgt. Erst angsterfüllt, ist Carlos mit der Zeit absolut sicher, dass die weitverzweigten Kellergewölbe des Waisenhauses ganz offensichtlich ein düsteres Geheimnis verbergen...

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro drehte zu Beginn des Jahrtausends in mexikanisch-spanischer Koproduktion mit "The Devil’s Backbone" ein Mystery-Drama mit einigen Anleihen im Horrorbereich, das im Jahre 1939 zu Zeiten des spanischen Bürgerkriegs spielt. Mit wundervoll ausgesuchten und hervorragend spielenden Kinderdarstellern, sowie handwerklich/technisch einwandfrei versucht sich del Toro an einer Art Verarbeitung des spanischen Bürgerkriegstraumas und erzählt seine Geistergeschichte in überaus bedächtigem Tempo und vermutlich in der Hoffnung, dass sich in rauer Atmosphäre eine leicht märchenhafte, allen Widrigkeiten zum Trotz von Menschlichkeit geprägte Atmosphäre entfaltet. Diese wird aber, wenn auch nur selten, so doch immer einmal wieder, zerstört von den nicht wie vielleicht vermutet nur Märchen-/Fantasy- oder Mystery-artigen, sondern wahrlich gruselig und nach bester Horrormanier umgesetzten Geistererscheinungen. Dadurch wird Kitsch geschickt umschifft und "The Devil’s Backbone" bekommt seinen rauen Charme. "The Devil's Backbone" wird vom Regissuer Guillermo del Toro gerne als "älterer Bruder" von "Pan’s Labyrinth" bezeichnet und bildet mit letzterem so etwas wie eine geschwisterliche Gemeinschaft, sowohl was den Inhalt und die Thematik betrifft, als auch den Stil und die Atmosphäre. Allerdings sollte man nicht den Fehler begehen und glauben, dass man hier bloß eine andere Version von "Pans Labyrinth" sehen wird. Obwohl grundlegende Ähnlichkeiten zwischen den beiden Filmen bestehen, unterscheiden sie sich doch erheblich voneinander. "The Devil's Backbone" ist vermutlich der subtilere, leisere und in gewisser Weise reifere Film der beiden. Zugleich baut er aber eine visuelle Spannung und emotionale Wucht auf, die weniger Wert auf brutale, schockierende Momente legt.

Gleichzeitig ist der Film, gemeinsam mit "Pans Labyrinth", Teil von del Toros übernatürlicher Allegorie gegen den spanischen Faschismus. Die immer gewalttätigeren Konfrontationen zwischen dem Aufsichtspersonal im Waisenhaus sind eine deutliche Wiederspiegelung der Machtergreifung des Franco-Regimes. Im gleichen Sinne werden anhand der Waisenkinder die Konsequenzen dieser Machtergreifung gezeigt und die Auswirkungen die sie auf die Bevölkerung hatte. Am Ende haben die wahren Leidtragenden es zwar erfolgreich geschafft sich gegen das Regime durchzusetzen, aber nicht ohne einen Preis dafür zu zahlen. Zerschunden, verletzt und nur auf sich selbst gestellt, müssen sie letztlich genau jenen Ort verlassen, der ihnen eigentlich Schutz hätte bieten sollen, für sie aber zu einer lebensbedrohlichen Falle geworden ist. Das erschütternde Resümee scheint zu heißen, dass in dieser düsteren Welt nichts sicher ist und keinem wirklich Schutz geboten werden kann.

Diese ständige Bedrohung wird vor allem durch die nicht explodierte Bombe veranschaulicht, die im Hof des Waisenhauses im Boden steckt. Es wird ihnen zwar versichert, dass die Bombe entschärft und ungefährlich ist, aber so richtig glauben können sie es dann doch nicht. Obwohl sie also angeblich nicht mehr explodieren kann, thront sie dennoch gebieterisch und angsteinflößend über der gesamten Szenerie, ohne dabei jedoch die Notwendigkeit ständiger visueller Präsenz zu verlangen. Ein Umstand, der die entschärfte Bombe beinahe noch bedrohlicher und unerträglicher macht, weil man im Hinterkopf ständig die Gewissheit hat, dass sie da ist. Genau so muss es auch den Waisenkindern gehen, die zwar tagsüber im Hof spielen und ihr Bestes tun, die Bombe nicht zu beachten, aber dennoch ständig mit der Gewissheit klar kommen müssen, dass trotz allem eine tödliche Maschine in ihrem Hof schlummert.

Der Regisseur und Drehbuchautor Guillermo del Toro hat dieses Herzensprojekt bereits zu Schulzeiten entworfen und man merkt deutlich, dass diese lange Zeit des Wachsen und Gedeihens dem Film gut getan hat. Denn von all seinen bisherigen Filmen wirkt "The Devil's Backbone" am ausgereiftesten. Obwohl herrlich fantastisch, ist der Film zugleich das erwachsenste Werk des mexikanischen Regisseurs. Ob das nun wirklich an der langen Entwicklungsphase liegt, sei dahingestellt. Die Hauptsache ist eigentlich das durchwegs positive und gelungene Endprodukt, ein schaurig-schöner und tief unter die Haut gehender Film. Neben dem gelungenen Drehbuch und einer fantastischen Regie, darf man keinesfalls die hervorragend agierenden Darsteller vergessen, die del Toros Figuren zum Leben erwecken. Eine gelungene Besetzung sorgt dafür, dass auch die Kinderdarsteller ihre Tour de Force grandios meistern und beachtliche schauspielerische Leistungen abliefern. Selbst Jacinto (Eduardo Noriega), eine Figur die man durchaus als bösartig bezeichnen kann, wird nicht zur Eindimensionalität verdammt, vielmehr gibt sie dem Schauspieler die Gelegenheit auch ihm ein gewisses Maß an Menschlichkeit zu verleihen und in manch einer Szene, die inneren Wunden und tiefe Verletzlichkeit seiner Figur zu offenbaren. "The Devil's Backbone" ist ein durch und durch ernsthafter Film, der weit mehr durch seine Atmosphäre, die guten schauspielerischen Leistungen und durch seine Aussagen fesselt, als durch Story-Idee und Verlauf derselben. Es gelingt dem Film auf beeindruckende Weise, den Zuschauer in die Situation hineinzuversetzen, in der sich die Figuren (sowohl zeitgeschichtlich als auch im Rahmen der Story) befinden - man lebt das alles förmlich mit. Den Zustand zwischen Verzweiflung und Resignation, in dem sich die Schule im spanischen Niemandsland und die Leiter der Schule befinden; den Zustand als Außenseiter und Opfer, den Carlos erlebt. Und auch die Dramatik, mit der sich das Leben der Figuren zum ausweglosen Höhepunkt hin bewegt.

Unterm Strich ist "The Devil's Backbone" ein kleiner, feiner Film, der vielleicht den bisherigen Höhepunkt im Schaffen von Guillermo del Toro darstellt. Der Film lebt vor allem von der lebhaften und unverbrauchten Bildsprache seines Regisseurs und den durchwegs emotionalen schauspielerischen Leistungen. Abgesehen davon ist es zusätzlich noch die stille, aber bedrohliche Atmosphäre, die über dem ganzen Werk schwebt und die den Film absolut empfehlenswert macht.

8/10

Von WICKED VISION erschien der Film im auf 777 Stück limitierten Mediabook, welches den Film auf BD und DVD beinhaltet und dazu mit jeder Menge informativen Bonusmaterial ausgestattet ist.

Samstag, 7. April 2018

Wishmaster 2: Evil Never Dies - Wishmaster 2: Das Böse stirbt nie (Unrated) (1999)

http://www.imdb.com/title/tt0156182/
Man könnte es als Jugendsünde abbuchen: Morgana und ihr Freund Eric brechen ins Naturkundemuseum ein. Doch dort wachsen ihnen die Ereignisse über den Kopf. Bei einer Schießerei mit dem Wächter kommt Eric ums Leben. Morgana beschädigt aus Versehen eine persische Statue, der prompt ein schrecklicher Dschinn namens Nathaniel Demerest entsteigt. Während Morgana flieht, lässt sich der Dschinn bereitwillig von der Polizei verhaften. Im Gefängnis entlockt er den Gefangenen ihre Wünsche, um diese dann möglichst blutig zu erfüllen. Jeder Wunsch, bei dem man buchstäblich seine Seele verkauft, bringt den Dschinn seinem schrecklichen Ziel näher: Er will die Weltherrschaft erlangen und alle Menschen töten. Doch Morgana weiß, was er vorhat. Gemeinsam mit ihrem Ex-Freund, dem Priester Gregory, nimmt sie den Kampf gegen Nathaniel Demerest auf...

Mit der Hälfte es Budgets seines Vorgängers und dem "The Hidden"-Regisseur Jack Shoulder kehrt Andrew Divoff als Djinn zurück. "Wishmaster 2: Evil Never Dies" ist eine sehr viel sterile Fortsetzung. Was diesem Film vor allem fehlt, ist der Mut zur reinen Bösartigkeit. Gereicht hat es diesmal nur zu ein, zwei fiesen Horror-Einlagen. Ansonsten etabliert sich der Djinn von Beginn als Bösewicht, der cool wirkende Einzeiler verteilt und eben viel Unheil im kleinen Rahmen anrichtet. Dafür sind immerhin die Splattereffekte, welche zwar nicht besonders oft auftreten, aber wenn, dann doch recht stark. An sich mag die Story ganz interessant angelegt sein, nur erzählt sie Shoulder mit dem dramaturgischen Grund-Raster einer TV-Serie, vor allem der der Mittelteil ist ziemlich zäh. Immerhin kann der Film in seinen ernsten Momenten eine gute Atmosphäre aufbauen, was ihn noch vor der Belanglosigkeit rettet. Das bringt uns auch zur Besetzung. Dieser geht eine vergleichbare Horror-Riege wie der des Originals gänzlich ab. Dafür sehen wir hier jede Menge Fernseh-Stars, von denen Paul Johansson und Robert DeSardo noch die bekanntesten sein dürften. Insgesamt ein nicht ganz spannender Film der gerade noch in Ordnung geht. Nur langweilt er eben durch sein Vorgehen nach Schema F und erweist sich dabei gleich als Sprungbrett zur belanglosen Endlos-Serie. Dabei hätte "Wishmaster 2" definitiv mehr Klasse zugestanden.

5,5/10

Von NSM Records kommt der Film hierzulande ungeschnitten und in HD auch im auf 750 Stück limitierten und nummerierten Mediabook:

Mittwoch, 4. April 2018

[KINO] Ready Player One 3D (2018)

http://www.imdb.com/title/tt1677720/

Im Jahr 2045 spielt sich das Leben vieler Menschen auf der heruntergekommenen Erde zum größten Teil nur noch in der OASIS ab. Das ist eine vom ebenso genialen wie exzentrischen Programmierer und Web-Designer James Halliday (Mark Rylance) erfundene virtuelle Welt, die mehr als die düstere Realität zu bieten hat. Die meiste Zeit seines jungen Lebens verbringt auch der 18-jährige Wade Watts (Tye Sheridan) damit, mit seinem Avatar Parzival in diese Welt einzutauchen und zu versuchen, die Aufgaben zu lösen, die Halliday vor seinem Tod in der OASIS hinterlassen hat. Demjenigen, der als erster alle Herausforderungen meistert, winkt nämlich unermesslicher Reichtum und die Kontrolle über die OASIS. Bislang sind Wade und seine Freunde, darunter Ar3emis (Olivia Cooke) und Aech (Lena Waithe), zwar stets schon an der ersten Aufgabe gescheitert, doch sie geben nicht auf - ebenso wenig wie der skrupellose Konzernchef Nolan Sorrento (Ben Mendelsohn), der sich OASIS unbedingt unter den Nagel reißen will...

Als der erste Trailer zu "Ready Player One" veröffentlicht wurde, brach ein kleiner Hype aus, denn bereits hier war klar, dass "Ready Player One" zu einem der Filme des Jahres 2018 werden würde. Wieso man das am Trailer bereits festmachen konnte? Die Story war es nicht, denn die ist so alt wie das Medium Film selbst. Es waren die zahllosen Filmreferenzen, die vermutlich jedes Filmfanherz höher schlagen ließen, es war die überwältigende Optik und der grandiose Soundtrack aus den achtziger und neunziger Jahren, welche dann letztlich auch andere Kinder dieser Zeit sofort begeistern konnte. Sofort bekam man das Gefühl, hier wieder in einem phantastischen Spielbergfilm zu sitzen, weit weg von seinen Dramen und Biographien und zurück zu seinen Wurzeln, zu dem was Spielberg nun mal am besten kann: opulente, bestens ausgestattete und optisch umwerfende Unterhaltungsfilme.


"Ready Player One" basiert auf dem gleichnamigen Buch von Ernest Cline aus dem Jahr 2010. Der Debüt-Roman wurde in Sachen Suchtpotenzial mit "Harry Potter" verglichen, er steckt voller Bezüge auf die frühe Games-Kultur und die Film-Welt der 70er und 80er. Und wer sollte daher für die Realisation für die Leinwand besser geeignet sein als Steven Spielberg? Selbst wenn Buchpuristen die vielschichtigen Veränderungen wohl wie üblich kaum akzeptieren können, so hat er doch in diesem Abenteuer den Zeitgeist der 80er Nostalgie wirklich liebevoll festgehalten. Zudem zeichnete sich Cline selbst mitverantwortlich für das Drehbuch - daher sollte man über Abweichungen großzügig hinwegsehen können. Darüber hinaus bringt Spielberg - wie zu erwarten war - seinen eigenen spektakulären Stil in die gesamte Optik des Films ein. Und allein das macht "Ready Player One" schon sehenswert.

Diejenigen, die eine detailtreue oder gar reine Anpassung an den Roman erwarten, sollten sich auf wesentliche Abweichungen vorbereiten; einige der Änderungen sind verständlich, während andere anfangs etwas enttäuschend sind. Die erste Herausforderung ist völlig anders: es gibt keine High-School, Oklahoma, Joust, WarGames oder Rush; und das Treffen, sowie die Zusammenarbeit der High Five ist komplett beschleunigt (und das sind nur einige der Änderungen). Natürlich konnten die Drehbuchautoren Zak Penn und Ernest Cline nicht alle Parzival-Trivialfilme aus den 80ern abbilden, bis auf die, die tatsächlich im Film liefen, spielen und theoretisch existieren - was auf Papier funktioniert, wird eben nicht immer auf den Bildschirm übertragen. Was auf dem Bildschirm zu sehen ist, ist dafür aber purer Spielberg: eine epische Suche, junge Leute, die sich zusammenschließen und eine Liebe für das Jahrzehnt, in dem er selbst (sowie andere Filmemacher wie Robert Zemeckis und James Cameron) als König der Popkultur herrschte.  


Die gesamte Geschichte konzentriert sich auf einen Wettbewerb, der von James Halliday, Schöpfer der OASIS, angekündigt wurde, der auf seinem Sterbebett einen Wettbewerb startete, um seinen Nachfolger zu finden. Versteckt irgendwo in der virtuellen Welt sind drei Schlüssel - der erste, der sie alle findet, wird sein Milliarden-Dollar-Vermögen und die Kontrolle über die OASIS erhalten. 

"Ready Player One" wird fünf Jahre später mit dem ersten noch zu beanspruchenden Schlüssel aufgenommen. Die meisten haben die Suche aufgegeben, aber Wade, seine Freunde und viele mehr sind immer noch auf der Jagd. Einige dieser "viel mehr" sind Nolan Sorrento, der ruchlose CEO des konkurrierenden Softwareunternehmens Innovative Online Industries (IOI), das eine riesige Gruppe von Spielern einsetzt, um die Schlüssel für ihn zu finden. Das wäre eine schlechte Sache. Sein ultimatives Ziel ist es, so viel Geld wie möglich daraus zu machen, sogar so weit zu gehen, dass Spieler, die sich verschulden, gezwungen werden, in (Online-)Arbeitslagern zu arbeiten, die als Loyalitätszentren bekannt sind. Es ist also ein risikofreudiger Wettbewerb und Spielberg wechselt die Action zwischen der realen und der virtuellen Welt mit schillernder Souveränität, fügt nahtlos die Gefahren in beiden Realitätszuständen zusammen und erhöht die Einsätze, wenn die Schlüssel gefunden werden und sich der Zuschauer langsam dem Showdown nähert.

Probleme hat "Ready Player One" natürlich auch. Gelegentlich lässt sich der Film selbst in seinem Erzählfluss ablenken, da ist ein Easter-egg hier, an anderer Stelle wird das Atari-2600 Spiel "Adventure" verwendet, usw.. Für viele ist es da schwierig, denn Warren Robinett (der Erfinder des o.g. Spiels) ist kaum ein bekannter Name. Das andere Problem ist Ben Mendelsohn, der seine Figur des Antagonisten Sorrento wenig von Orson Krennic von "Rogue One" oder John Daggett von "The Dark Knight Rises" unterscheidet. Aber fernab von dem ist es eine Freude, wenn Spielberg sich für die Art von Blockbuster-Filmemachen freispricht, die ihn berühmt gemacht haben, aber in seiner Filmografie immer seltener wird. Und zeigt, dass es niemanden gibt, der sich seiner Erzählweise auch nur ansatzweise das Wasser reichen kann.


Der Film selbst ist, wie Halliday's Jagd, also gefüllt mit Easter-Eggs für Filmfans, Computer-Nerds und für Nostalgiker. Es bedarf sicher mehrerer Sichtungen, um wirklich alle Details und Anspielungen zu erfassen, da einige recht flüchtig sind, während andere sich dem Zuschauer sofort offenbaren. Aber die Chancen stehen gut, dass, wenn das Publikum lacht und man selbst nicht, man eine der zahlreichen visuelle Hommagen an einen 80er Film, eine fiktive Figur, einen Cartoon oder ein Spiel verpasst hat. 

Nichtsdestoweniger ist der Film am beeindruckendsten, wenn die Handlung in der Computerwelt der OASIS stattfindet. Spielberg versetzt den Betrachter in eine Art virtuelle Realität, in die man sich leicht verirren könnte, besonders wenn das reale Leben so düster ist. Und das, wenn es eine Sache gibt, die einen sehr guten Film davon abhält, außergewöhnlich zu sein, ist auch das Problem. Die virtuellen Szenen blenden und inspirieren den Zuschauer regelrecht, während die reale Handlung zwar wichtig, aber viel weniger interessant ist. Eine Handlungssequenz zwischen ausgerüsteten Avataren innerhalb eines Spiels ist natürlich bunter und einfallsreicher als die düstere Realität von Verfolgungsjagden und dem altbekannten Motiv Gier und Macht. 


Aber die unverbracuhten Schauspieler passen allesamt in ihre Rollen und machen einen richtig guten Job mit ihren Charakteren, sowohl on- als auch offline, und das, obwohl zwei von ihnen weit weg von den Altersstufen ihrer Buchgenossen sind. Olivia Cooke spielt als Art3mis / Samantha  unglaublich leidenschaftlich, Mark Rylance (der mit der Zeit offensichtlich einer von Spielbergs häufigsten Mitarbeitern wurde) ist exzellent als der fast schon mythische und herrlich nerdige Anorak / Halliday und Ben Mendelsohn ist perfekt als IOI's gieriger und böser Manager Nolan Sorrento. Doch getragen wird das alles von Tye Sheridan, der als Held Parzival / Wade mitzureißen versteht und den Zuschauer völlig vereinnahmen kann.

Alan Silvestri steuerte den Soundtrack zu "Ready Player One" bei und zusammen mit den vielen 80er-Jahre-Stücken, die passend eingestreut in den Film zu wirken verstehen, erinnert dies alles an das Filmjahrzehnt - was auch zu erwarten war, wenn man bedenkt, dass seine früheren Partituren die "Back To The Future"-Trilogie beinhalten, auf die in diesem Film ebenfalls stark Bezug genommen wird. In Anbetracht der Herkulesaufgabe, Clines epischen Roman auf die Leinwand zu übertragen, hat Spielberg das Wunder und die Nostalgie bewahrt und letztlich wird dies die Zuschauer verzaubern.

Spielberg hat damit scheinbar das Unmögliche möglich gemacht: Ausbalancierte Sugar-Rush-Nostalgie mit einer mitreißenden Story zu einem reinen, unzynischen, filmischen Spiel, das den Zauber seiner frühen Filme wieder aufgreift. Und das unterhält über die gesamte Laufzeit und zaubert einem das ein ums andere Mal ein Lächeln ins Gesicht.

8,5/10